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Jun 19

Okanagan Valley: „Die schönste Ecke der Welt“

Weinprobe mit anschließendem Picknick: St. Hubertus Weingut (c) Julia Schoon

Wein­probe mit anschlie­ßen­dem Pick­nick: St. Huber­tus Wein­gut © Julia Schoon

Wein­berge und Wüste wür­den Sie jetzt nicht unbe­dingt in Kanada ver­mu­ten? Dann waren Sie noch nicht im Oka­na­gan Val­ley! Das Tal mit dem lang­ge­streck­ten See kuschelt sich in die West­aus­läu­fer der Rocky Moun­tains und ist ein Geheim­tipp für Freunde der ent­spann­ten Lebens­art. Wir haben uns das Oka­na­gan gleich drei Mal angeschaut:

Die Urlauber-Perspektive

Was für Kana­dier völ­lig nor­mal ist, erscheint uns nach zwei Mona­ten in unse­rer Wahl­hei­mat Cal­gary zumin­dest mach­bar: Wir fah­ren übers Wochen­ende nach Kelowna. Das sind 600 Kilo­me­ter Fahrt in eine Rich­tung, quer über die Rocky Moun­tains. Klingt stres­sig, ist es aber über­ra­schen­der­weise gar nicht – und das liegt am Oka­na­gan Valley.

Zuge­ge­ben: Wenn man stun­den­lang an einem impo­san­ten Berg nach dem ande­ren vor­bei­ge­fah­ren ist, auf deren Gip­feln selbst jetzt, im August, Glet­scher thro­nen, und dann ins Oka­na­gan Val­ley rollt, über­rum­peln einen die Backofen-Temperaturen erst mal. Der Fahrt­wind, der durchs offene Fens­ter kommt, fühlt sich plötz­lich an als würde man sich mit einem Fön ins Gesicht bla­sen. Wieso hat die­ses Auto keine Kli­ma­an­lage? Eine end­lose Stunde müs­sen wir durch­hal­ten, dann errei­chen wir end­lich den Oka­na­gan Lake, der sich wie ein lang­ge­zo­ge­nes Doppel-S durchs Tal schlän­gelt und an des­sen Ufer an eini­gen Stel­len kleine Sand­strände lie­gen. Das Was­ser ist herr­lich und deut­lich wär­mer als der See mit­ten in den Rockies, in den wir unter­wegs gehüpft sind.

Nach­dem wir uns abge­kühlt haben, neh­men wir die Land­schaft um uns herum zum ers­ten Mal rich­tig wahr. Sanfte Hügel umrah­men den See, an deren Hän­gen Wein­berge ange­legt sind, man­che Reben­rei­hen rei­chen bis fast ans Ufer. Zwi­schen den Wein­gü­tern lie­gen immer wie­der kleine Städte und auch ein­zelne Häu­ser sit­zen am Berg und besche­ren ihren Bewoh­nern sicher einen Million-Dollar-Ausblick. Lieb­lich ist das Wort, das einem hier sofort in den Kopf kommt. Ein Ort, an dem man nach einem lan­gen Tag am Lenk­rad auch inner­lich sofort den Fuß vom Gas nimmt.

Unser Hos­tel liegt mit­ten in Kelowna, mit rund 100.000 Ein­woh­nern die größte Stadt im Tal, und nur ein paar Minu­ten zu Fuß vom Strand ent­fernt. Als wir ein­che­cken, ist es bei­nahe aus­ge­stor­ben, nur auf der Veranda hän­gen ein paar braun­ge­brannte Typen mit nack­tem Ober­kör­per und wei­ten Hosen ab. Wir las­sen uns in die Hän­ge­mat­ten fal­len, die ein klu­ger Mensch unter die Bäume gebun­den hat, und den Rest des hei­ßen Nach­mit­tags an uns vor­über ziehen.

Am Abend rei­ben wir uns über­rascht die Augen: Das Hos­tel ist schlag­ar­tig zum Leben erwacht. Jede Menge Back­pa­cker drän­gen sich in der Küche um den Kühl­schrank und die weni­gen Herd­plat­ten. Fei­er­abend auf den Obst­plan­ta­gen, ver­rät uns ein Fran­zose namens Oli­vier. Er ist, wie offen­sicht­lich viele hier, Dau­er­gast im Hos­tel. Mit sei­nem Working-Holiday-Visum jobbt er schon seit ein paar Wochen in Kelowna. „Die Bezah­lung ist nicht schlecht“, sagt er, „und die Leute sind total ent­spannt.“ Spä­ter sit­zen alle auf der Veranda, die Fruit-Picker und die Mädels, die den Tag am See ver­bracht und ihre Bräune gepflegt haben, trin­ken Bier und Jäger­meis­ter und die laue Abend­luft ist süß vom Rauch und schwer vom Testosteron.

Am Mor­gen ist es noch ange­nehm kühl. Wir gehen mit dem Flow von Kelowna, früh­stü­cken aus­ge­dehnt und über­le­gen, was wir mit dem hei­ßen Urlaubs­tag, der vor uns liegt, anstel­len. Schwim­men und Wein trin­ken klingt nach einem guten Plan. Unsere erste Sta­tion sind die Tan­ta­lus Vineyards – ein Tipp von Freun­den aus Cal­gary. Erst 2010 haben sie ihr neues Haus eröff­net, das ein klein wenig ver­steckt in den Hügeln liegt und in dem sie jetzt täg­lich Wein­pro­ben anbie­ten. „Davor konn­ten wir nur mit Vor­an­mel­dung Besu­cher emp­fan­gen“, erzählt uns Jane, wäh­rend sie uns einen 2009er Dry Ries­ling ein­schenkt. „In die­sem Jahr haben sich die Besu­cher­zah­len schon ver­dop­pelt.“ Die Kana­die­rin ist mit einem Neu­see­län­der ver­hei­ra­tet, der, natür­lich, Wein­ma­cher ist. „In die­sem Jahr geht bei uns der Rosé wie ver­rückt“, sagt sie und lässt ihn uns auch gleich pro­bie­ren: ein über­ra­schend tro­cke­ner Trop­fen. Wir pro­bie­ren noch einen 2008er Pinot Noir Juve­ni­les und einen 2008er Pinot Noir, kau­fen zwei Fla­schen für spä­ter, dann tau­schen wir wider­stre­bend den Tre­sen in die­sem ange­nehm kli­ma­ti­sier­ten Haus gegen unser Backofen-Auto ein. Nichts wie run­ter zum See und abkühlen.

Die Straße schlän­gelt sich ober­halb des Ufers ent­lang und wäh­rend wir nach einer Bade­bucht Aus­schau hal­ten, kom­men wir an drei wei­te­ren Wein­gü­tern vor­bei. Einige Stun­den spä­ter, die wir ent­spannt unter Bäu­men am und im Was­ser ver­bracht haben, füh­len wir uns bereit für mehr Alkohol.

Die Wein­gü­ter unter­schei­den sich sehr: Wäh­rend Tan­ta­lus sehr künst­le­risch, fast wie ein moder­nes Museum daher kam, ver­strömt St. Huber­tus einen wun­der­bar alt­mo­di­schen Charme, der noch unter­stri­chen wird durch einen Pick-Up aus den 40er Jah­ren, der am Hang pit­to­resk vor sich hin ros­tet. Ein hüb­scher Pick­nick­platz hin­ter dem Haus lädt die Besu­cher ein, nach der Wein­probe noch den Aus­blick über Wein­berge und See zu genießen.

Auf dem Cedar Creek Estate wie­derum fühlt man sich wie in einer Hollywood-Filmkulisse: Zum Anwe­sen gehört ein gro­ßes Restau­rant, das mit sei­ner säu­len­um­stan­de­nen Veranda an eine Haci­enda erin­nert, und ein Rosen­gar­ten mit Wan­del­gang und Pan­ora­ma­blick über den Oka­na­gan. Hier wurde sicher schon so man­ches Hoch­zeits­foto geschos­sen. Die Weine — Pinot Noir, Pinot Blanc, Ries­ling und immer wie­der Rosé — wer­den von Gut zu Gut bes­ser. Oder kommt mir das in der Hoch­som­mer­hitze nur so vor?

Ich bin woh­lig zufrie­den, als wir am Abend wie­der im Hos­tel ankom­men und unsere Lieb­lings­plätze in den Hän­ge­mat­ten ein­neh­men. Genau wie mein Freund, der als Fah­rer am Wein nur nip­pen konnte und sich jetzt ein eis­ge­kühl­tes Bier öff­net. „Must Dos“, lese ich ihm aus der Kelowna-Broschüre vor, die wir in der Tou­ris­ten­in­for­ma­tion mit­ge­nom­men haben. „Wakeboard-Stunde an der Core Marina. Herz­för­mige Nüsse wach­sen sehen und pro­bie­ren. Besuch der Lavendel-Farm. Gra­tis open air Kon­zerte.“ — „Wir soll­ten noch einen Tag dran­hän­gen“, brummt er mit geschlos­se­nen Augen, wäh­rend er träge hin und her schau­kelt. „Und auf jeden Fall wiederkommen.“

Wie eine Schwei­zer Aus­wan­de­rin auf Zeit Kelowna erlebt hat und wel­chen Ein­fluss deut­sche Win­zer auf die Ent­wick­lung des Oka­na­gan Val­ley hat­ten, lesen Sie in der neuen Aus­gabe von 360° Kanada (Nr. 3/2012); außer­dem darin: viele wei­tere Bei­träge aus den Res­sorts Tra­vel & Out­doors, Emi­gra­tion & Working Holi­days, Cul­ture & Life­style. Das Heft ist ab dem 14. Juni im Zeit­schrif­ten­han­del erhält­lich oder unter E-Mail Adresse ver­steckt zum Spam­schutz (als Print­ma­ga­zin oder PDF).

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