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Mrz 16

Vor dem Schneesturm ist nach dem Schneesturm: Blizzard in Manitoba

Laverendrye Avenue ist nach dem Blizzard gerade breit genug für den Schulbus; Claudia Grill

Laverendrye Avenue ist gerade breit genug für den Schulbus, Foto: Claudia Grill

Text und Bilder: Claudia Grill

Während in großen Teilen Europas langsam Frühlingsstimmung einkehrt, stellen sich die Leute im Norden Manitobas auf ein paar weitere Wintermonate ein und machen sich daran, die Spuren des letzten großen Schneesturms zu beseitigen. Die Auswanderin Claudia Grill hat diesen Blizzard vor Ort miterlebt.

Als Environment Canada Anfang März eine Blizzard-Warnung herausbringt, denken sich die meisten BewohnerInnen von Churchill, Manitoba nicht viel. Es ist bereits die fünfte solche offizielle Ankündigung seit Dezember, völlig normal in der Stadt der Eisbären. Kaum jemand rechnet damit, dass sich der vorausgesagte Sturm zu einem Jahrhundertereignis auswachsen wird. Noch vor wenigen Wochen wurde nach einer ebensolchen Warnung gescherzt, wo denn bitte Wind und Schnee blieben. Nun ist die Stadt unter Schneemassen begraben, wie man sie seit über fünfzig Jahren nicht gesehen hat.

Schneeverwehungen ziehen sich über ganze Straßenzüge, Foto: Claudia Grill

Schneeverwehungen ziehen sich über ganze Straßenzüge, Foto: Claudia Grill

Die Sicht reicht nicht einmal bis zur anderen Straßenseite; Claudia Grill

Die Sicht reicht nicht einmal bis zur anderen Straßenseite, Foto: Claudia Grill

In Churchill – v.a. bekannt als „Polar Bear Capital of the World“ – ist man lange, harte Winter gewöhnt. Alljährlich stellt man sich hier auf Temperaturen unter minus 45 Grad, gefrierende Wasserleitungen, nicht starten wollende Autos und Wetterkapriolen ein. Eine Warnung vor einem Blizzard – d.h.  Windstärken von über 40km/h und weniger als 400 Meter Sichtweite über mehr als sechs Stunden – versetzt in Churchill also niemanden in Aufregung. Diesmal wird allerdings nach und nach klar, dass dieser Sturm kein gewöhnlicher ist. Er bauscht sich innerhalb eines Tages auf bis zu 130km/h auf und bringt die Stadt zum Stillstand. Neben der Schule und allen anderen öffentlichen Einrichtungen schließt auch der Supermarkt. Der Zug, der morgens aus Winnipeg ankommt und abends wieder zurückfahren soll, bleibt in der Station (und steht dort heute noch); der Flugverkehr ist sowieso ausgesetzt. Die Stadtverwaltung rät allen BewohnerInnen, ihre Häuser und Wohnungen nicht zu verlassen. Lediglich die Notaufnahme des örtlichen Spitals ist in Betrieb.

Häuser sind teilweise ganz unter den Schneemassen begraben; Claudia Grill

Häuser sind teilweise ganz unter den Schneemassen begraben, Foto: Claudia Grill

"Caribou Hall" unter den Schneemassen, Foto: Claudia Grill

„Caribou Hall“ unter den Schneemassen, Foto: Claudia Grill

Nach einigen Stunden haben sich Schneeverwehungen gebildet, die das Passieren der meisten Straßen und Wege unmöglich machen. Über 56 Stunden dauert der Schneesturm; danach sind einige Personen in ihren Häusern eingeschlossen und die Schneeberge höher als viele Gebäude. In manchen Haushalten werden Nahrungsmittel knapp und teilweise geben Heizungen den Geist auf. Einige mutige Frauen und Männer machen sich auf den Weg um NachbarInnen mit Lebensmitteln zu versorgen. Im Schneesturm verliert man schnell die Orientierung, deshalb werden Seile zwischen Häusern gespannt; so kann man sich etwas besser zurechtfinden.

Trotz allem hatten die BewohnerInnen von Churchill Glück im Unglück: die Stromversorgung blieb intakt und niemand wurde ernsthaft verletzt. Viele können sich noch an den letzten großen Schneesturm von 1999 erinnern. Damals brach das Stromnetz zusammen und die EinwohnerInnen mussten sich in den Town Complex, der mit Generatoren betrieben werden kann, begeben.

Aufräumarbeiten; der Schnee ist teilweise hart wie Beton, Foto: Claudia Grill

Aufräumarbeiten; der Schnee ist teilweise hart wie Beton, Foto: Claudia Grill

Aufräumarbeiten. Der Schnee ist vom Wind zusammengepresst hart wie Beton; Claudia Grill

Aufräumarbeiten; der hartgepackte Schnee ist einige Meter hoch, Foto: Claudia Grill

Unter dem Schnee befindet sich eine der Seitengassen

Unter dem Schnee befindet sich eine der Seitengassen, Foto: Claudia Grill

Nach über drei Tagen kehrt wieder Leben in Churchill ein. Insgesamt fielen rund achtzig Zentimeter Schnee – nicht besonders viel, möchte man sagen. Der starke Wind hat den Schnee aber aufgetürmt und zusammengepresst, die meterhohen Schneeverwehungen sind hart wie Beton. Dieser Tage herrscht großer Gemeinschaftssinn und wer kann, hilft mit: Hauseingänge werden freigeschaufelt, Fahrzeuge ausgebuddelt, Straßen geräumt, Schäden begutachtet. Die Bediensteten der Stadt sind rund um die Uhr mit Baggern und Lastwägen im Einsatz. Es wurde ein lokaler Ausnahmezustand ausgerufen, alle verfügbaren Ressourcen wurden mobilisiert Der Supermarkt ist wieder offen, aufgrund des fehlenden Nachschubs gibt es jedoch in der ganzen Stadt keine Milch, kein Brot und kein frisches Gemüse mehr. Auch rund eine Woche nach dem Spektakel sind noch nicht alle Wege wieder befahrbar, noch nicht alle Leitungen repariert, nicht alle Gebäude vollständig vom Schnee befreit. Dennoch herrscht großteils gute Laune in der Stadt: Wer in der „Welthauptstadt der Eisbären“ leben kann, für den/die ist auch ein Jahrhundert-Blizzard kein Problem.

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